logo
Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde

St. Moritz Taucha
 
 
 

Gemeindegruß

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leserinnen und Leser,

Zeit nun ist es bald soweit, der Kirchentag 2017 Berlin –Wittenberg und die Kirchentage auf dem Weg – im 500. Jubiläumsjahr der Reformation – stehen kurz vor der Eröffnung. Viele interessante Angebote locken zur Teilnahme an den verschiedenen Veranstaltungsorten, die Sie auf dem Titelbild unseres Gemeindebriefes sehen können. Für uns steht natürlich Leipzig im Fokus, bevor es dann am Sonntag zur großen Abschlussveranstaltung – mit dem Festgottesdienst auf den Elbwiesen – nach Wittenberg geht.

Unsere Gemeinde wird sich – neben Quartierangeboten – am Eröffnungstag (Himmelfahrt) mit einem Tisch an der großen Kaffeetafel beteiligen. Wer dafür einen Kuchen backen kann und sich am Gespräch mit den Gästen beteiligen möchte, der melde sich bitte im Gemeindebüro (Tel.: 034298/543978).

Die Losung des Kirchentages, d.h. der Leitgedanke – an dem sich alle Vorbereitungen und Veranstaltungen inhaltlich orientieren – stammt aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 16, Vers 13 und lautet: „Du siehst mich“.

Losungen für Kirchentage sind Einladungen zum Gespräch über Gott und die Welt. Die Losung zum Reformationsjubiläum greift ein Thema auf, mit dem der Protestantismus sonst weniger identifiziert wird – das Visuelle. In der Bibel ist Sehen immer mehr als gucken, glotzen, herumschauen. Sehen ist mehrdimensional und hat eine besondere Qualität.

Du, Gott, siehst mich Mensch. Dies ist im 1. Buch Mose die Erkenntnis von Hagar, einer jungen Frau auf der Flucht. Ihr ist Unrecht geschehen. Gott sieht sie. Er sieht ihre Situation und gibt Rat. Hagar fühlt sich wahrgenommen und beachtet. Daraus schöpft sie Kraft.

Angesehen sein, wahrgenommen werden. Diese Sehnsucht ist unter den Menschen unserer Zeit groß. Dafür schicken manche permanent Bilder von sich selbst in die Welt, per Selfie, Facebook und Whatsapp. Doch wirklich angesehen, wahrgenommen werden und gemeint sein – das geht tiefer.

Sehen stiftet Beziehung, nicht nur mit Gott, sondern auch im Miteinander aller Menschen. Ansehen bedeutet Anerkennen und Wertschätzen. Wegsehen ist Mißachtung und Ignoranz.

Wie groß hingegen die Freude darüber ist, dass mich ein anderer Mensch sieht, ansieht und sich für mich interessiert, das weiß wohl Jede und Jeder. Sie verbindet Menschen untereinander, egal ob, was oder an wen sie glauben.

Ob nun in Berlin oder Leipzig oder an den anderen Orten der Kirchtage auf dem Weg – für die meisten Menschen ist nichts, was mit Religion zu tun hat, selbstverständlich. Deswegen ist es gut, wenn wir uns durch das Reformationsjubiläum und die Kirchentage fragen lassen: Wie können wir verständlich reden; davon, dass wir an Jesus Christus glauben, dass Gott uns ansieht? Welche neue Sprache brauchen wir, um gemeinsam über Dinge zu sprechen, die jeden Menschen in seinem Innersten bewegen? Christinnen und Christen sind eine gesellschaftliche Kraft, aber sie sind auch Teil einer Gruppe, einer Klasse, eines Vereins, einer Mitarbeiterschaft, eines Unternehmens…. Daraus ergeben sich Blicke auf Augenhöhe für ein neues Miteinander, das unsere Gesellschaft so dringend braucht.

Der reformatorische Aufbruch vor 500 Jahren war auch ein Ausbruch aus alten Gewohnheiten. Reformation ist nicht Stillstand, sondern Veränderung. Wo bzw. womit fangen wir an? Welche Veränderungen sind angesichts der aktuellen Herausforderungen durch Kriege, Flüchtlinge, Klimaveränderung und soziale Spannungen nötig?

Aber auch umgekehrt: Wie und wo müssen wir – wie Luther – standhaft bleiben in Zeiten rasanter Veränderungsprozesse? Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn alte Gewissheiten wegzubrechen drohen? Gibt es Grenzen der Toleranz? Wie kann Gemeinschaft wachsen, wo jeden Tag Neues und auch Fremdes hinzukommt?

Wir sollten damit beginnen, dass wir hinsehen, ansehen, annehmen – und auch uns ansehen und anfragen lassen. Christinnen und Christen wissen sich selbst von Gott angesehen und angenommen, und darum haben sie einen offenen Raum, sich anderen zuzuwenden. Gesehen zu sein und selbst hinzusehen lässt Solidarität entstehen. Mit denen, die nahe sind, europäisch und weltweit. Als Menschen verbunden.

„Du siehst mich“. Davon lebe ich, dass Gott mich sieht – mit den Augen der Liebe. Auch davon, dass andere Menschen mich wahrnehmen. Der Blick ohne Vorbedingungen. Hinsehen, wo Menschen nicht das Nötige haben zum guten Leben, wo sie am Rand stehen oder abgehängt sind. Sie nicht verloren geben, sie nicht einfach ignorieren. Aus der Losung ergibt sich eine Aufmerksamkeit für soziale Themen – nicht nur an den Veranstaltungsorten des Kirchentages, sondern überall in unserem Land. Lassen wir uns also anstoßen zum genauen Hinsehen, damit wir unsere Mitmenschen nicht aus dem Blick verlieren.

Wenige Monate vor der Bundestagswahl können die Kirchentage somit auch Anstöße geben, wie sich die Menschen in einer wachen Zivilgesellschaft verbinden gegen das Aushöhlen der Demokratie, für Integration und neues Miteinander, für Solidarität im eigenen Land und weltweit.

„Du siehst mich“. Eine tolle Losung für die Kirchentage und das Reformationsjubiläum, aber auch für das Leben jedes einzelnen in den Gemeinden vor Ort.

Ich freue mich auf die Gespräche mit Gästen, aber auch mit Ihnen
Ihr Pfarrer C. G. Edelmann

 

 

 

 
Home / Links / Impressum / Kontakt